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Auswirkungen von Covid-19 auf die Suchtprävention in Deutschland – Chancen und Risiken einer stärkeren Digitalisierung

Projektteam: Hermann Schlömer, Veronika Möller, Britta Jacobsen, Dr. Philipp Hiller, Sabine Meiboom

In Kooperation mit: der Fachstelle für Suchtprävention Berlin gGmbH, der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. (HLS), der Fach- und Koordinierungsstelle Suchtprävention Sachsen, Bereich suchtmittelspezifische Suchtprävention sowie dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen in Schleswig‐Holstein (IQSH)

Laufzeit: 15.02.-15.12.2021

Gefördert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Angesichts der sich ausbreitenden Corona-Infektionen in Deutschland seit März 2020 wurden Schulen, Berufsschulen und Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit und damit die wichtigsten Settings auch für suchtpräventive Maßnahmen im Kindes-, Jugend- und frühem Erwachsenenalter in den meisten Bundesländern phasenweise geschlossen. Das beinhaltete zugleich einen weitgehenden Verzicht auf Präsenz-  zugunsten von Online-Unterricht und einen Ausfall von Angeboten der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Abgesehen davon gab es in den Schulen auch für bestimmte Klassen phasenweise Präsenz- oder im Wechsel Präsenz- und digitalen Unterricht (Home Schooling). Durch das neue Infektionsschutzgesetz vom 21. April 2021 sind die Vorgaben bzw. Richtlinien für die Schulschließung vereinheitlicht und verschärft worden. Es ist anzunehmen, dass unter diesen Bedingungen für sogenannte „weiche“ Themen wie Suchtprävention, ohne feste Verankerung im Schulcurriculum oder in einem Unterrichtsfach, noch weniger Platz ist als zuvor. Selbiges gilt für die, wegen der Corona-Schutzmaßnahmen erschwerte, offene Kinder- und Jugendarbeit sowie etwas eingeschränkter auch für Kindertagesstätten. Angesichts des erschwerten Zugangs zu kulturellen und sportlichen Angeboten, weniger Möglichkeiten für Feiern, Treffen im öffentlichen Raum und sozialen Aktivitäten, der Konzentration des Lebens von Kindern und Jugendlichen auf das häuslich familiäre Umfeld sowie der auch durch schulische Anforderungen stärkeren Nutzung digitaler und sozialer Medien ist weiterhin zu erwarten, dass Onlinespiele und -wetten mehr genutzt werden.  Entsprechend medialen und auch ersten empirischen Hinweisen ist weiterhin zu vermuten, dass vor allem der Alkoholkonsum bei Erwachsenen im privaten und öffentlichen Raum in den letzten Monaten angestiegen ist. Dadurch besteht ggf. eine höhere Bedeutung elterlicher Rollenmodelle und schützender Einflussnahme in Bezug auf den Alkoholkonsum ihrer Kinder wie auch eine veränderte Sicht auf Alkoholverfügbarkeiten im häuslichen Umfeld.

Ziel dieses Projektes ist es daher unter anderem, Möglichkeiten und Barrieren der suchtpräventiven Praxis in der Corona-Pandemie für suchtpräventive Fachkräfte und Multiplikator:innen in den Settings Familie, Schule und offene Kinder- und Jugendarbeit sowie Erfahrungen mit digitalen suchtpräventiven Projekten aber auch Erfahrungen mit Fortbildungsangeboten zur Digitalisierung der Suchtprävention und mögliche Veränderungen des suchtmittelbezogenen Gebrauchs zu erheben und zu analysieren.

Das Forschungsprojekt besteht aus vier empirischen Modulen:

  • Strukturierte Fokusgruppengespräche mit Jugendlichen
  • Strukturierte Fokusgruppengespräche mit Eltern
  • Leitfadengestützte Telefoninterviews mit Multiplikator:innen der Suchtprävention
  • Quantitative Online-Befragung von Multiplikator:innen der Suchtprävention

Im Anschluss sollen die Ergebnisse aus den Befragungen in zwei Fokusgruppen mit den 16 Landeskoordinator:innen diskutiert und gemeinsam Empfehlungen für die suchtpräventive Praxis erstellt werden

Standards für Jugend- und Spielerschutzmaßnahmen beim Online-Glücksspiel (SJSOG)

Projektteam: Dr. Tobias Hayer (Uni Bremen), Harald Lahusen (ISD), Dr. Jens Kalke (ISD)

in Kooperation mit: Universität Bremen, Arbeitseinheit Glücksspielforschung

Laufzeit: 01.07.2019 bis 31.08.2020

Förderer: Bundesministerium für Gesundheit (BMG)

Fragestellung und Methodik

Übergeordnetes Ziel des Forschungsvorhabens war es, die bundesweite Diskussion zur Optimierung einer evidenzbasierten Glücksspielsucht-Prävention beim Online-Glücksspiel um zentrale und neuartige Impulse zu erweitern. Erstmalig im deutschsprachigen Raum wurde damit der Versuch unternommen, Mindeststandards für Jugend- und Spielerschutzmaßnahmen beim Online-Glücksspiel zu definieren.

Um die Ziele des Forschungsprojekts zu realisieren, fiel die Wahl auf einen breiten methodischen Ansatz, bei dem verschiedene Teilmodule aufeinander aufbauten:

  1. eine Bestandsaufnahme zu Maßnahmen des Jugend- und Spielerschutzes beim Online-Glücksspiel (Modul 1a) sowie eine ergänzende Analyse von Online-Webseiten (Modul 1b),
  2. ein systematisches Literaturstudium zu wissenschaftlichen Erkenntnissen in Bezug auf die Effekte von Interventionen beim Online-Glücksspiel (Modul 2),
  3. eine Befragung von Expert*innen (Delphi-Verfahren) zu Erfolg versprechenden Maßnahmen des Jugend- und Spielerschutzes beim Online-Glücksspiel (Modul 3).

Modul 1a

Für eine erste Bestandsaufnahme konnten im Rahmen eines iterativen Rechercheprozesses (12 Quellen) insgesamt 42 unterschiedliche Maßnahmen des Jugend- und Spielerschutzes identifiziert werden. Darunter befinden sich unter anderem Maßnahmen des Jugendschutzes, Informationen zu den Risiken des Glücksspiels, unterschiedliche Limitierungsarten, Beschränkungen des Zahlungsverkehrs sowie Hilfsmittel zur Selbstkontrolle des Glücksspielverhaltens.

Modul 1b

Bei der Analyse von 40 (weltweiten) Online-Webseiten konnten zwei weitere Maßnahmen gefunden werden, so dass sich die Gesamtzahl auf 44 erhöhte. Eine quantitative Auswertung der Online-Webseiten nach diesen 44 verschiedenen Maßnahmen zeigt, dass es sich bei 64% aller 370 erfassten Maßnahmen um verhaltenspräventive Maßnahmen handelt; ein gutes Viertel stellt eine Mischform aus Verhaltens- und Verhältnisprävention dar (26%) und jede zehnte ist verhältnispräventiv ausgerichtet (10%). Die dominierenden verhaltenspräventiven Maßnahmen richten sich sowohl an universelle als auch an selektive und indizierte Zielgruppen.

Modul 2

Die systematische Literaturanalyse zur Maßnahmenwirksamkeit bringt wenig Aufschluss mit sich, da nur vereinzelt wissenschaftliche Erkenntnisse über ihre Effekte vorliegen. Insgesamt konnten nur 20 Studien in den Review einfließen. Nach seinen Ergebnissen können am ehesten das personalisierte Verhaltensfeedback, die Selbstsperre sowie Limitierungssysteme als Erfolg versprechende Ansatzpunkte der Suchtprävention angesehen werden.

Modul 3

Das von der Gruppe der Expert*innen vorgeschlagene finale Konzept besteht aus 14 Mindeststandards zum Jugend- und Spielerschutz, wie die folgende Übersicht zeigt. Dabei überwiegen Maßnahmen, die verhältnispräventive Komponenten enthalten. Im Ganzen besteht das Konzept aus zwei verhaltenspräventiven, fünf kombinierten und sieben verhältnispräventiven Maßnahmen. Nach den Zielgruppen strukturiert, handelt es sich um drei universelle, acht selektive und drei indizierte Interventionen.

Gesamtkonzept der Mindeststandards mit 14 Maßnahmen

universell
selektiv
indiziert
Verhaltensprävention
keine Ermutigung zu kontinuierlichem Spiel
personalisiertes Feedback
Verhaltens-/ Verhältnisprävention
Einzahllimit
Einsatzlimit
Verlustlimit
Kontosperre
Selbstsperre
Verhältnisprävention
Altersverifizierung
Zahlungszugang nur für Erwachsene
Ausschluss Werbung
generelles Einsatzlimit
generelles Verlustlimit
generelles Einzahllimit
Fremdsperre

Ausblick

Zusammenfassend ist das vorgelegte Gesamtkonzept mit den 14 Mindeststandards als ein erster Vorschlag zur Weiterentwicklung suchtpräventiver Ansätze beim Online-Glücksspiel zu verstehen. Weitere Forschungsarbeiten sind in diesem Bereich unabdingbar. Das betrifft vor allem Evaluationen von (einzelnen) Maßnahmen des Jugend- und Spielerschutzes und hier im Besonderen die Umsetzung von Kontrollgruppenstudien mit der Erfassung mittel- und langfristiger Verhaltenseffekte.

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Projektbericht: Standards für Jugend- und Spielerschutzmaßnahmen beim Online-Glücksspiel (SJSOG)

Empfehlungen zur Umsetzung einer evidenzbasierten Suchtprävention in Deutschland (2019-2020)

2014 wurde als Ergebnis einer vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Klausurwoche von Expert_innen das „Kölner Memorandum zur Evidenzbasierung in der Suchtprävention“ veröffentlicht. Davor und danach gab es vielfältige, teils kontroverse Diskussionen über Möglichkeiten und Grenzen einer evidenzbasierten, suchtpräventiven Praxis in Deutschland.

Auf dem theoretischen Hintergrund des Kölner Memorandums und gefördert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) wurden nun in einem weiteren Forschungsprojekt des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Köln (KatHO NRW) in Zusammenarbeit mit dem Institut für interdisziplinäre Sucht- und  Drogenforschung Hamburg (ISD Hamburg) Empfehlungen für die erfolgreiche Gestaltung nachhaltig wirksamer Suchtprävention erarbeitet. Diese Empfehlungen sollen und können das Kölner Memorandum 2014 nicht ersetzen, sondern als praxisorientierte Handlungsanleitungen helfen, die Qualität der Suchtprävention zu sichern und eine evidenzbasierte Suchtprävention in Deutschland zu etablieren.

Hintergrund

Das 2014 im Rahmen einer Klausurwoche von elf Wissenschaftler_innen und zwei Praxisvertretern entwickelte und im gleichen Jahr veröffentlichte „Kölner Memorandum Evidenzbasierung in der Suchtprävention – Möglichkeiten und Grenzen“ wurde als Diskussionsanstoß bzw. als „erster Meilenstein, aber nicht“ als „das letzte Wort“ (Hoff et al., S. 25) auf verschiedenen Fachkongressen und -tagungen (Deutscher Suchtkongress, Hamburger und Tübinger Suchttherapietage etc.) und im Bund-Länder-Kooperationskreis Suchtprävention der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sowie 2015 im Rahmen eines Buches mit vertiefenden Beiträgen aller Autor_innen des Memorandums vorgestellt und im Alternativen Drogen- und Suchtbericht besprochen.

Abgesehen von der geringen Anzahl von Fachkräften der Suchtprävention, die an den Fachkongressen und -tagungen teilnahmen, sprechen die vorliegenden Rückmeldungen und die verfügbaren Einblicke in die suchtpräventive Praxis in Deutschland dafür, dass das Kölner Memorandum vor Ort in der konkreten Praxis der Suchtprävention bisher noch nicht genügend Beachtung findet. Ein wichtiger Grund dafür: Im laufenden Arbeitsalltag der Suchtprävention ist es offenbar kaum leistbar, bei der Entwicklung neuer oder der Auswahl von Maßnahmen das vorliegende empirische Wissen aus Forschung und Praxis sowie das Wissen der primären und sekundären (Multiplikator_innen) Zielgruppen zu sichten und zu Grunde zu legen.

Angesichts dieser unbefriedigenden Situation war es angezeigt,

a) die subjektiven Einschätzungen zur Evidenzbasierung generell und zum Kölner Memorandum speziell aus Sicht der Praxis systematisch zu erfassen und

b) für eine höhere Praxisanwendung und -tauglichkeit unter Beteiligung der Fachkräfte der Suchtprävention und Berücksichtigung ihres Praxisalltags anhand zu entwickelnder konkreter Empfehlungen zu sorgen.

Studienmethodik

Basis der angestrebten Entwicklung von konkreten Empfehlungen waren Erfassungen der subjektiven Einschätzungen zu o.g. Sachverhalten in der Praxis der Fachkräfte, was über ein mixed-method-Design aus quantitativen und qualitativen Methoden realisiert wurde.

Quantitative Online-Befragung:

Mit Hilfe eines vorliegenden Online-Befragungs-Tools („LimeSurvey“) der KatHO NRW sowie eines dafür entwickelten Fragebogens sollten möglichst viele Fachkräfte der Suchtprävention in Deutschland befragt werden, und zwar hinsichtlich

  • ihrer Affinität zur Evaluation suchtpräventiver Maßnahmen,
  • des Stellenwerts einer Zusammenarbeit von Praxis und Forschung,
  • der wahrgenommen Vorteile einer Evidenzbasierung der Suchtprävention,
  • förderlicher und hinderlicher Bedingungen für die regelhafte Implementierung evidenzbasierter Suchtprävention in der Praxis,
  • der Bekanntheit und Bewertung des Memorandums,
  • möglicher Verständnisschwierigkeiten im Memorandum aus Praxissicht
  • der Möglichkeiten und Grenzen für die Umsetzung der Empfehlungen des Memorandums sowie
  • von Verbesserungsanregungen für die Weiterentwicklung des Memorandums sowie.
  • ergänzend die Einschätzung polizeilicher suchtpräventiver Maßnahmen aus Praxissicht vor Ort (Vor- und Nachteile).

Gelingensbedingung für die Durchführung dieser Erhebung war die Unterstützung durch die Koordinator_innen und weiterer Schlüsselpersonen der Suchtprävention in den Bundesländern. Über diese Schlüsselpersonen sind die Fachkräfte der Suchtprävention am leichtesten zu erreichen und zur Teilnahme an der Befragung zu motivieren. Das Vorhaben wurde daher auch entsprechend im Bund-Länder-Kooperationskreis der BZgA und im Fachausschuss  Suchtprävention der Deutschen Hauptstelle fur Suchtfragen e.V. (DHS) vorgestellt und seine Umsetzung vorbereitet.

Qualitative Fokusgruppen mit inhaltsanalytischer Auswertung:

Zur Vertiefung der durch die Online-Befragung gewonnenen Erkenntnisse und zur Diskussion von notwendigen Aspekten der zu entwickelnden Empfehlungen wurden mit 7 bzw. 9 (insgesamt 16) renommierten Fachkräften der Suchtprävention halbtägige Fokusgruppengespräche in Hamburg und Köln durchgeführt und ausgewertet.

Qualitative Einzeltelefoninterviews mit inhaltsanalytischer Auswertung:

Die auf Basis der vorangegangenen Auswertungen entwickelten Empfehlungsentwürfe  für Fach-/Leitungskräfte wie Entscheidungsverantwortliche in der Suchtprävention (siehe unten unter Publikationen) wurden 21 erfahrenen Fach-/Leitungskräfte der Suchtprävention vorgelegt, um Rückmeldungen zu Inhalten, Verständlichkeit, Anwendbarkeit u.Ä. sowie Verbesserungsanregungen zu erfassen und so die Einschätzungen der suchtpräventiven Praxis bei der Erstellung vertieft berücksichtigen zu können.

Publikationen

Hoff, T. * & Schlömer, H. * (2020). Für eine nachhaltig wirksame Suchtprävention sorgen: Empfehlungen für Entscheidungsverantwortliche. Köln, Hamburg: Katholische Hochschule NRW und Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung Hamburg (ISD Hamburg). Download: Hier verfügbar.

Schlömer, H. * & Hoff, T. * (2020). Nachhaltig wirksame Suchtprävention erfolgreich gestalten: Empfehlungen für Praktiker_innen. Köln, Hamburg: Katholische Hochschule NRW und Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung Hamburg (ISD Hamburg). Download: Hier verfügbar.

Kongress- und Tagungsbeiträge

Hoff, T. & Schlömer, H.: Evaluation und Weiterentwicklung des Kölner Memorandums zur evidenzbasierten Suchtprävention. Vortrag auf dem 12. Deutschen Suchtkongress (Mainz, 17.09.2019)

Hoff, T. & Schlömer, H.: Bewertung und praxisorientierte Ergänzungsbedarfe des Kölner Memorandums zur evidenzbasierten Suchtprävention. Vortrag auf der 30. Sitzung des BZgA-Länder-Kooperationskreises Suchtprävention (Köln, 10.10.2019)

Schlömer, H.: Bewertung und praxisorientierte Ergänzungsbedarfe des Kölner Memorandums zur evidenzbasierten Suchtprävention. Vortrag auf der Sitzung des Fachausschusses Suchtprävention der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (06.12. 2019) 

Förderung

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA)
Förderzeitraum: 01.10.2019 bis 31.07.2020

Projektleitungen für die Kooperationspartner

KatHO NRW: Prof. Dr. Dipl.-Psych. Tanja Hoff
E-Mail: t.hoff(at)katho-nrw.de  |  Tel.: +49 (0)221-7757-137

ISD Hamburg: Dipl.-Psych. Hermann Schlömer
E-Mail: h.schloemer(at)isd-hamburg.de  |  Tel. + 49 (0)40-87606668

Begleitforschung von Projekten des BKE

Projektteam: Dr. Jens Kalke, Hermann Schlömer

Laufzeit: seit 2015

Gefördert vom Blauen Kreuz in der Evangelischen Kirche (BKE)

Seit dem Jahr 2015 begleitet das ISD verschiedene Projekte wissenschaftlich (für den Bundesverband sowie einige Landesverbände).

Dazu gehören:
• Evaluation der Ausbildung zur Gruppenbegleiter*in (SH),
• Evaluation der Ausbildung zur ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer*in (SH),
• Durchführung einer Mitglieder-Befragung im Rahmen des Projektes „Menschen stärken Menschen“ (Bund),
• Gute Praxis bei BKE-Selbsthilfegruppen – Ergebnisse einer Befragung von Gruppenleiter*innen (Bund),
• Weiterentwicklung von Angeboten des BKE im Bereich Onlineberatung, Internetauftritt und Social Media (NRW).

Schulungen: Prävention von Glücksspielsucht und Spielmanipulation in den Nachwuchsleistungszentren der Fußballbundesligisten

Projektteam: Christian Schütze, Dr. Jens Kalke
Laufzeit: seit 2012

Das ISD bietet zum Themenbereich verschiedene Einheiten an. Hierzu gehören:
• Elterninformation,
• Anonymisierte Befragung der Teams (U15 bis U23),
• Veranstaltungen für die Teams (U15 bis U23),
• Schulung des Trainer- und Betreuerstabes NLZ,
• Informationsveranstaltungen für den Profibereich.

Es werden dort verschiedenen Themen behandelt (u. a.): Junge Fußballer und Glücksspiel, falsche Vorstellungen über Gewinnchancen bei Glücksspielen, Gefährdungspotential der verschiedenen Glücksspiele, Jugendschutzbestimmungen, Sportwettmarkt, Glücksspiel und Spielmanipulationen, Wettverbote für Spieler.

Für folgende Vereine war das ISD bisher tätig: HSV, Hertha BSC, FC Freiburg, FC St. Pauli.

Veröffentlichung:
Kalke J, Schütze C. & Rosenkranz M. (2016). Schulungen in Profivereinen. Prävention von Glücksspielsucht und Spielmanipulation in den Nachwuchsleistungszentren der Fußballbundesligisten. proJugend 3: 21-23.

Aktive Spielsuchtprävention bei Lotterien und Sportwetten

Projektteam: Christian Schütze, Moritz Rosenkranz, Harald Oechsler, Elke Rühling, Philipp Hiller, Dr. Jens Kalke

Laufzeit: seit 2006

Das ISD (bzw. die mit ihr assoziierte AKADEMIE SUCHT) ist für verschiedene Lotteriegesellschaften im Rahmen von sogenannten Sozialkonzepten „Aktive Spielsuchtprävention“ tätig. Die Aufgaben reichen von der Durchführung der suchtpräventiven Schulungen des Annahmestellenpersonals, über die Erstellung onlinegestützter Schulungsmaterialien bis hin zur Evaluation von verschiedenen Maßnahmen. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Tätigkeiten:

  • Bayern: Schulungen der Bezirksstellenleiter/innen, Evaluation des Internetsozialkonzeptes;
  • Berlin: Evaluation der Schulungen;
  • Hamburg: Evaluation des Internetsozialkonzeptes;
  • Niedersachen: Evaluation der Schulungen, Evaluation des Internetsozialkonzeptes;
  • Nordrhein-Westfalen: Evaluation der Schulungen;
  • Sachsen: Kommunikationstrainings für die Leiter/innen der Annahmestellen, Evaluation der Schulungen;
  • Thüringen: Evaluation des Internetsozialkonzeptes.

Literatur:
Kalke J., Verthein U., Buth S. & Hiller P. (2011). Glücksspielsucht-Prävention bei den staatlichen Lotterien: Evaluation der Schulungen des Annahmestellenpersonals. Suchttherapie, 12 (4): 178-185.

Kalke J. & Buth S. (2015). Internetsozialkonzepte der Lotteriegesellschaften. Ergebnisse erster Evaluationen. Zeitschrift für Wett- und Glücksspielrecht, 10 (3/4): 202-206.

Evaluation der Internetsozialkonzepte von Lotteriegesellschaften

Projektteam: Dr. Jens Kalke, Sven Buth

Laufzeit: 2014 bis 2020

Der Glücksspielstaatsvertrag von 2012 verpflichtet die Lotteriegesellschaften, ein an die besonderen Bedingungen des Internets angepasstes Sozialkonzept für das Onlinespielen zu entwickeln und dieses wissenschaftlich evaluieren zu lassen. Ausgewählte Ergebnisse einer solchen Evaluation werden hier vorgestellt. Dabei wird eine zusammenfassende, aggregierte Analyse der Daten einer Kundenbefragung bei LOTTO Bayern, LOTTO Hamburg, LOTTO Niedersachsen, LOTTO Hessen, LOTTO Rheinland-Pfalz und LOTTO Thüringen vorgenommen.

Werden die Ergebnisse zum Spielverhalten betrachtet, so lässt sich festhalten, dass fast alle Internetspieler/innen der Lotteriegesellschaften ein unproblematisches Spielverhalten aufweisen: Die meisten spielen ausschließlich Online bei LOTTO, setzen dafür moderate Summen ein und praktizieren keine weiteren Glücksspiele. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass aufgrund der Wiederaufnahme des Onlinespiels bei den Lotteriegesellschaften Kunden/innen ein unkontrolliertes Spielverhalten entwickelt haben. Beim Spielverhalten bestehen zwischen den drei Lotteriegesellschaften keine größeren Unterschiede. Einschränkend ist jedoch hinzufügen, dass diese Angaben zu einem erheblichen Teil auf Selbstauskünften der Befragten basieren.

Ferner werden wichtige Elemente des Internetsozialkonzeptes – Spielerschutzseite, Selbstlimitierung, Spielersperren – von den Kunden/innen wahrgenommen und teilweise auch genutzt. Dieses geschieht unabhängig von ihrem Spielverhalten. Damit haben diese präventiven Maßnahmen eher eine übergreifende Ausstrahlung; sie können empirisch nicht den verschiedenen Zielgruppen der Prävention zugeordnet werden, wie beispielsweise potentiellen Risikogruppen oder schon problematisch Spielenden. Einen Selbsttest auf Spielprobleme oder eine telefonische Helpline haben dagegen nur wenige Personen genutzt. Dieser Sachverhalt muss jedoch in einen Zusammenhang mit dem Spielverhalten der Onlinekunden gestellt werden. Hierbei zeigte sich, wie schon erwähnt, dass nur ganz wenige Internetkunden/innen ein problematisches Spielverhalten aufweisen.

Bei der Bekanntheit und Nutzung der Internetsozialkonzepte bestehen einige Unterschiede zwischen den Lotteriegesellschaften. Diese sind aber nicht durchgängig bei dem einen oder bei dem anderen Sozialkonzept vorhanden, so dass keine Aussagen darüber getroffen werden kann, welches das zu bevorzugende Konzept im Sinne von „best-practice“ wäre. Hier sind weitere Evaluationen und interne Qualitätsvergleiche erforderlich. Die fachliche Diskussion steht hier erst an ihrem Anfang.

Das Projekt wurde gefördert von den Lotteriegesellschaften Bayern, Hamburg und Niedersachsen.

Einen Artikel über die Evaluationsergebnisse finden Sie in der Zeitschrift für Wett- und Glücksspielrecht (Heft 3/4 2015).

Remissionsprozesse von pathologischen Glücksspielern/innen im 3-Jahresverlauf

Projektteam: Sven Buth, Sascha Milin, Charlotte Kleinau, Dr. Jens Kalke

Laufzeit: April 2015 – Februar 2016

Hintergrund und Ziele der Studie

Die Lebenszeitprävalenz für pathologisches Spielen liegt nach den Ergebnissen der PAGE-Studie in Deutschland bei ca. 1% (Meyer et al., 2011). Absolut sind dies mehr als eine halbe Million Personen. Nahezu zwei Dritteln dieser Spieler ist es jedoch gelungen, ihre Spielsucht aus eigener Kraft (Spontanremission) oder unter Inanspruchnahme formeller Hilfe zu über-winden. Belastbare Aussagen zum Ablauf, zur Struktur und zu den Einflussfaktoren von Remissions- und Rückfallprozessen bei pathologischen Glücksspielern/innen (PGS) lassen sich in der internationalen Literatur aber kaum finden. Dafür bedarf es Longitudinalstudien (Nower & Blaszczynski, 2008), die in diesem Forschungsbereich bisher sehr selten sind. In der vorliegenden Untersuchung konnte eine solche Längsschnittanalyse realisiert werden, da von den meisten Stichprobenteilnehmern/innen einer vorangegangenen Studie („Selbstheilung bei pathologischen Glücksspielern“) das Einverständnis vorlag, diese nochmals kontaktieren zu dürfen (Buth et al. 2014).

Die vorliegende Studie geht zum einen der Frage nach, wie sich die Remissions- und Rückfallprävalenzen in einem Dreijahresverlauf entwickeln; zum anderen werden dabei potentielle Faktoren für die Aufrechterhaltung der Glücksspielabstinenz und des pathologischen Spielens bzw. des Rückfalls in die Spielsucht analysiert. Auch die Art und Intensität der Inanspruchnahme sowie die Angemessenheit von Hilfemaßnahmen im Dreijahresverlauf werden untersucht, um mögliche Defizite in der Prävention und in der Versorgung von pathologischen Glückspielern/innen aufzudecken.

Methodik

Die potentiell erreichbare Stichprobe umfasste 336 Personen aus der vorangegangenen Studie. Von diesen konnten insgesamt 97 Personen nicht kontaktiert werden bzw. verweigerten die Teilnahme an einer erneuten Befragung, so dass die finale Stichprobe 239 Personen beinhaltet. Die Wiedererreichungsquote beträgt somit 71%.
Die Teilnehmer/innen sind im Rahmen von telefonischen, schriftlichen und internetgestützten Interviews zu ihrem aktuellen und früheren Spielverhalten, zu glücksspielbezogenen Problemen, zur Inanspruchnahme von Hilfen, zu den Barrieren einer solchen Inanspruchnahme, zu Spielmotiven, zu Gründen für die Remission, zum aktuellen Gesundheitsstatus u.v.m. befragt worden. Sofern verfügbar, kamen jeweils international anerkannte Instrumente zum Einsatz. Ausgehend von dem Status bei der Erstbefragung werden in der vorliegenden Studie zwei Gruppenvergleiche durchgeführt: Es werden die durchgängig remittierten mit den rückfälligen Personen sowie die weiterhin pathologisch spielenden mit den neu remittierten Personen verglichen. Für diese vier Gruppen ergaben sich folgende Fallzahlen: durchgehend remittiert (RERE): N=90, remittiert? pathologisch (REPA): N=23, durchgehend pathologisch (PAPA): N=61 und pathologisch? remittiert (PARE): N=53. Für valide geschlechtsspezifische Auswertungen sind die Fallzahlen der Gruppen – vor allem bei den Frauen – zu gering.

Ergebnisse

Den allermeisten der zum Zeitpunkt der Erstbefragung remittierten Personen (82%) gelingt es, diesen Status aufrechtzuerhalten, wobei ein kleinerer Teil (10%) von ihnen zwischendurch wieder pathologisch gespielt hat. Von einem Rückfall in ein pathologisches Spielverhalten ist demnach etwas weniger als ein Fünftel betroffen. Deutlichere Veränderungen zeigen sich hingegen bei den (ehemals) pathologisch Glücksspielenden. 54% verharren nach 3 Jahren zwar weiterhin in einem pathologischen Spielverhalten, 46% haben jedoch ihre Spielprobleme überwunden.
Beim Vergleich der beiden vormals pathologisch spielenden Gruppen (PAPA vs. PARE) zeigt sich ein statistisch bedeutsamer Unterschied: Personen, die von einer mindestens ausreichenden sozialen Unterstützung berichten, haben eine 2,5-fach höhere Wahrscheinlichkeit im Dreijahresverlauf zu remittieren als diejenigen, die bei der Gestaltung ihres Alltags auf sich allein gestellt sind.

Die REPA berichten signifikant häufiger von Geldproblemen als die RERE (77% zu 32%). Beim Vergleich der Subgruppen PAPA und PARE ist es ebenfalls so, dass in der erstgenannten Gruppe ein viel größerer Anteil von finanziellen Schwierigkeiten betroffen ist als in der zweiten Gruppe (81% vs. 35%).

Bezogen auf die Lebenszeit zeigen sich hinsichtlich der Prävalenz psychischer Symptome zwischen RERE und REPA sowie PAPA und PARE keine statistisch bedeutsamen Unterschiede. Hingegen haben Personen, die von aktuellen psychischen Problemen betroffen sind, ein drei- bis vierfach höheres Risiko, zur Gruppe der REPA zu gehören (gegenüber RERE). Ein ähnliches Ergebnis findet sich beim Vergleich von PAPA und PARE.
Bei den dysfunktionalen Bewältigungsmustern weisen die PARE-Befragten einen signifikant geringeren Durchschnittswert auf als PAPA.

Schlussfolgerungen

Aus den Befragungsergebnissen wird deutlich, dass eine gute soziale Unterstützung hilfreich für Remissionsprozesse ist. Dieses kann als Hinweis verstanden werden, die Angehörigenarbeit weiter zu optimieren.
Ein pathologisches Spielverhalten führt in der Regel zu substanziellen finanziellen Problemen. Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass diese Belastungen einen Rückfall in die Spielsucht begünstigen. Hier wird also die Frage nach einer frühzeitigen und bedarfsgerechten Schuldenregulierung aufgeworfen und ob in diesem Sinne, das Hilfesystem (Verzahnung Sucht- und Schuldenhilfe) optimal aufgestellt ist.
Noch bedeutsamer für eine erfolgreiche Remission bzw. einen Rückfall sind offensichtlich psychische Komorbiditäten. Insbesondere Personen, die schon vor Beginn des problematischen Spielens von psychischen Belastungen betroffen waren, fällt es offensichtlich schwer, das Glücksspielen nachhaltig zu reduzieren oder zu beenden. Es sollten daher alle Personen, die aufgrund eines Spielproblems eine Hilfeeinrichtung aufsuchen, systematisch nach aktuellen und früheren psychischen Belastungen gefragt (untersucht) werden. Sind solche vorhanden, müssten parallel zur Behandlung der Glücksspielproblematik auch immer Maßnahmen erfolgen, welche auf eine Linderung der psychischen Symptomatik fokussieren.
Da ADHS nach den vorliegenden Ergebnissen einen bedeutsamen Risikofaktor für den Rückfall in die Spielsucht darstellt, sollten zukünftig das Screening und die Behandlung dieser Störungen Teil des Maßnahmenpaketes zur erfolgreichen Überwindung einer Spielsucht sein. Des Weiteren liefert die vorliegende Studie Hinweise darauf, dass Remissionsstatus und Problemlösungskompetenzen in enger Beziehung stehen. Es sollte geprüft werden, inwieweit Programme zur Vermittlung adaptiver Copingstrategien und zur Steigerung der Selbstwirksamkeit zukünftig im Rahmen der Behandlung einer Glücksspielsucht gezielter zum Einsatz kommen könnten.
Es konnten in der Studie keine empirischen Befunde dafür gefunden werden, dass bestimmte suchtspezifische Hilfen Remissionsprozesse fördern bzw. die Nicht-Inanspruchnahme zu Rückfallprozessen führt. Insgesamt wird jedoch die Relevanz des Hilfeangebotes für einen erheblichen Teil der (ehemaligen) PGS unterstrichen. Darüber hinaus zeigt die Analyse des Inanspruchnahmeverhaltens, dass pathologische Glücksspieler/innen auch auf Angebote außerhalb des eigentlichen Suchthilfesystems zurückgreifen (siehe hierzu auch Kalke & Buth, 2016). Das gilt insbesondere für die Schuldnerberatung, aber auch für Informationen aus dem Internet. Diese Angebote sollten ausgebaut und sinnvoll mit der Suchthilfe und -prävention vernetzt werden. Es ergeben sich (erneut) Befunde, die darauf verweisen, welche wichtige Bedeutung Vermeidungsstrategien für die Aufrechterhaltung der Remission haben. Entsprechende Verhaltenstipps sollten zukünftig verstärkt in Prävention und Hilfe eingesetzt werden.

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Glücksspielverhalten und Glücksspielprobleme in Österreich – Ergebnisse der Repräsentativerhebung 2015

Projektteam: Dr. Jens Kalke, Sven Buth, Natasha Thon, Prof. Dr. Friedrich Martin Wurst

Laufzeit: 2015

Zielsetzung der Studie

  • Mit der Repräsentativerhebung 2015 sollten die Glücksspielteilnahme und das Ausmaß glücksspielbedingter Probleme in der österreichischen Bevölkerung (14-65 Jahre) fünfeinhalb Jahre nach Durchführung der ersten österreichischen Glücksspielstudie erhoben werden.
  • Die Befragung knüpft hinsichtlich des Forschungsdesigns und der Methodik an die Repräsentativerhebung 2009 an, so dass Trends beschrieben werden können.
  • Darüber hinaus wurden erstmalig Daten zum allgemeinen psychischen Befinden, zur Suizidalität und zum Alkoholkonsum erhoben. Auf dieser Grundlage können mögliche Hilfedarf für problematisch und pathologisch Glücksspielende abgeleitet werden.

Methodik

  • Mit der Durchführung der Repräsentativbefragung wurde – wie schon im Jahr 2009 – das Österreichische Gallup-Institut beauftragt.
  • Die Datenerhebung erfolgte ausschließlich in Form von computergestützten telefonischen Interviews (CATI). Aufgrund der vergleichsweise geringen Dichte an Festnetzanschlüssen in Österreich sind bei der Auswahl potentieller Teilnehmer/innen sowohl Festnetz- als auch Mobilfunkanschlüsse einbezogen worden.
  • Die Ziehung der Telefonnummern selbst erfolgte mittels einer Zufallsauswahl (quotiert nach Bundesland) auf Basis vorliegender öffentlicher Telefonverzeichnisse (Herold).
  • Insgesamt wurden 10.000 Personen im Alter zwischen 14 und 65 Jahren befragt. Diese Stichprobe wurde nach den Variablen Bundesland, Alter, Geschlecht und Schulbildung gewichtet, um ein repräsentatives Abbild der Österreichischen Bevölkerung zu erhalten.
  • Unter anderem wurden bei der Befragung die folgenden Instrumente eingesetzt: Das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM-IV) zur Erfassung von Spielproblemen, sowie als Screeninginstrumente der Alcohol Use Disorders Identification Test C (AUDIT-C) zur Erhebung des Alkoholkonsums und zum Screening der psychischen Gesundheit das Mental Health Inventory (MHI-5).
  • Ferner wurde die Akzeptanz von 13 verschiedenen (verhältnispräventiven) Maßnahmen des Jugend- und Spielerschutzes abgefragt.

Glücksspielverhalten

  • Aktuell haben 41% der Bevölkerung (14 bis 65 Jahre) in den letzten 12 Monaten irgendein Glücksspiel um Geld gespielt. Bezogen auf die letzten 30-Tage ergibt sich eine Teilnahmequote von 27%. Damit hat sich – gemessen an diesen beiden Parametern – insgesamt das Glücksspielverhalten der Bevölkerung seit dem Jahr 2009 nicht stark verändert.
  • Das klassische Lotto „6 aus 45“ ist nach wie vor das beliebteste Glücksspiel in Österreich ist. Jede/r dritte Österreich/in hat dieses Spiel im Jahr 2015 mindestens einmal in den letzten 12 Monaten gespielt (33%). Der prozentuale Anteil für die 30-Tages-Prävalenz beträgt 20%. Seit 2009 sind diese Werte nahezu konstant (Veränderung jeweils um ca. ± 1 Prozentpunkt).
  • Dagegen ist für diesen Zeitraum eine deutliche Zunahme bei der europäischen Lotterie, den Euromillionen, zu konstatieren: Der Prozentwert für eine Teilnahme in den letzten 12 Monaten hat sich von 9% auf 13% erhöht.
  • Sportwetten (inkl. Pferde-/Hunderennwetten) und klassische Kasinospiele werden aktuell von jeweils 4% gespielt (12 Monats-Prävalenz).
  • Glücksspielautomaten in Kasinos und in Spielhallen werden von noch weniger Personen gespielt. Die aktuellen Werte für die 12-Monats-Prävalenz lauten 0,5% bzw. 1%.

Glücksspielprobleme

  • Insgesamt liegt bei 1,1% aller Österreicher/innen (14 bis 65 Jahre) ein problematisches oder pathologisches Spielerverhalten (nach DSM-IV) vor. Dies sind etwa 64.000 Personen. Dieser Wert ist im Vergleich zu 2009 konstant.
  • Dabei weisen Männer zu höheren Anteilen ein problematisches und pathologisches Spielverhalten auf als die Frauen (1,6% zu 0,5%).
  • Auch innerhalb der verschiedenen Altersgruppen stellt sich das Ausmaß vorhandener Spielprobleme sehr unterschiedlich dar. Die 14- bis 30-Jährigen zeigen sich diesbezüglich am stärksten betroffen (1,8%).
  • Automatenspieler/innen in Spielhallen, Kneipen, etc. weisen mit 21,2% die höchste Prävalenz pathologischen Spielens auf. Bei den Sportwettern/innen ist dies nahezu jeder Zehnte.
  • Werden die Kriterien des DSM-5 für die Bestimmung des Ausmaßes der Spielprobleme herangezogen, so liegt die Prävalenz pathologischen Spielens bei 0,8%. Dieser Anteilswert verteilt sich zu jeweils gleichen Teilen auf die drei Schweregradgruppen (leicht, mittel, schwer jeweils 0,27%).
  • Bei spielsüchtigen Eltern aufgewachsen sind 2,4% der Österreicher/innen. In der Gruppe der aktuell pathologischen Spieler/innen ist es mehr als jeder Vierte (26,9%).

Zustimmung zu Spielerschutzmaßnahmen

  • Neun von zehn der Befragten sind der Meinung, dass Glücksspiele um Geld erst ab 18 Jahren erlaubt sein sollten (89%).
  • An zweiter Stelle folgt die Einführung einer spielartübergreifenden Sperre: 83% der Bevölkerung sprechen sich für dieses Instrument aus.
  • Auch die Reduzierung der Werbung für Glücksspielangebote wird von über 70% befürwortet.
  • Etwas mehr als die Hälfte der Österreicher/innen (56%) sind für ein Verbot von Glücks-/Geldspielautomaten.
  • Viele weitere Maßnahmen – wie beispielsweise die namentliche Registrierung von Spielern/innen in Kasinos und Spielhallen, Beschränkungen von Zugangszeiten oder ein Spielverbot im Internet – kommen auf Zustimmungswerte zwischen 53% und 63%.
  • Die Zustimmung der Bevölkerung zu einem Großteil dieser Maßnahmen hat seit 2009 sogar weiter zugenommen.
  • Auf die geringste Resonanz stoßen das staatliche Glücksspielmonopol und ein Alkoholverbot in Spielstätten, auch wenn die Zustimmungsraten hier noch bei deutlich über 40% liegen.

Alkoholkonsum

  • 23% der Befragten geben im AUDIT-C an, in den letzten 12 Monaten keinen Alkohol konsumiert zu haben. Einen Wert, der auf ein problematisches Alkoholkonsumverhalten verweist (Cut-off von = 5), erreichen 14% der befragten Personen. Davon sind 81% männlich.
  • In der leichten, mittleren respektive schweren Schweregradgruppe für pathologisches Glücksspiel nach DSM-5 liegen 66%, 78% respektive 46% oberhalb des Cut-offs im AUDIT-C. 26% der pathologischen Spieler/innen mit schwerem Schweregrad nach DSM-5 geben an, in den letzten 12 Monaten abstinent gewesen zu sein.

Suizidalität

  • 9% aller befragten Personen gaben an, sich im Laufe ihres Lebens schon einmal so niedergeschlagen gefühlt zu haben, dass sie daran gedacht hätten, sich das Leben zu nehmen. Von diesen Personen mit Suizidgedanken berichteten 31% Suizidpläne; 10% gaben an, konkret versucht zu haben, sich das Leben zu nehmen.
  • Mit zunehmendem Schweregrad der Spielproblematik (nach DSM-5) nimmt der Prozentanteil der Personen mit Suizidgedanken von 4% über 16% auf 32% zu.

Psychische Gesundheit

  • Bei 25% der österreichischen Bevölkerung finden sich mit dem Screeninginstrument MHI-5 Hinweise auf eine Angst- oder affektive Störung. Bei den Schweregradgruppen der pathologischen Glücksspieler/innen liegt der Prozentsatz zwischen 59% und knapp 90%.

Literatur

  • Buth S, Wurst FM, Thon N, Lahusen H, Kalke J. Comparative Analysis of Potential Risk Factors for at-Risk Gambling, Problem Gambling and Gambling Disorder among Current Gamblers – Results of the Austrian Representative Survey 2015. Frontiers in Psychology 2017; doi: 10.3389/fpsyg.2017.02188

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Projekt: Suchthilfe-Landesauswertung in Hessen

Projektteam des ISD: Dr. Jens Kalke, Eike Neumann-Runde

Laufzeit: 2004 bis 2021

Das Herzstück dieses Projektes ist die Erstellung der Suchthilfe-Auswertungen des Landes Hessen. Dies geschieht auf der Grundlage des Hessischen Kerndatensatzes, der neben biografischen Daten der Klienten/innen auch Angaben zur Betreuung enthält.

Daneben werden folgende Leistungen erbracht:

  • Betrieb einer telefonischen Hotline zur inhaltlichen Beratung der Anwender/innen,
  • Fortschreibung des Dokumentationsmanuals, Durchführung vertiefender Spezialanalysen,
  • Anfertigung eines „Dokumentationsprotokolls“ über die Qualität der Dokumentation,
  • Weiterentwicklung der inhaltlichen
    Erfassungskataloge in den Bereichen Biografie, Leistungen und Betreuung,
  • Befragung der Mitarbeiter/innen zu ihren Erfahrungen mit der EDV-gestützten Dokumentation,
  • praxisnahe Projektbetreuung.

Es erscheinen jedes Jahr ein Grunddaten-Bericht und eine Spezialanalyse (Die Berichte können auf der Seite www.hls-online.org heruntergeladen werden).

Das Projekt wird in Kooperation mit dem Centre for Drug Research (CDR, Frankfurt a.M.) durchgeführt.