Effekte von Maßnahmen des Spielerschutzes beim Online-Glücksspiel – Update 2025
Zusammenfassung
Mit wachsender Popularität des Online-Glücksspiels drängt sich aus gesundheitswissenschaftlicher Perspektive die Frage auf, welche Maßnahmen des Spielerschutzes geeignet sind, um den mit diesen digitalen Angeboten assoziierten Suchtgefahren und glücksspielbedingten Schäden effektiv zu begegnen. Vor dem Hintergrund der anstehenden Evaluation des Glücksspielstaatsvertrages sind diese Erkenntnisse im nationalen Kontext von hoher Praxisrelevanz. Die vorliegende Sichtung und Bewertung der Fachliteratur stellt eine Fortführung des systematischen Reviews von Hayer und Kalke (2022) dar. Gesucht wurden Primärstudien, die Maßnahmen des Spielerschutzes beim Online-Glücksspiel in tatsächlichen vorhandenen Glücksspielumgebungen (sog. „Real-World-Studien“) hinsichtlich ihres Nutzens bzw. ihrer Wirksamkeit evaluiert haben. Insgesamt erfüllten 42 Fachpublikationen die Einschlusskriterien, knapp die Hälfte davon (n = 20) war Bestandteil der aktualisierten Recherche mit Erscheinungsdatum ab 2020. Die 42 Primärstudien umfassten evaluative Befunde zu 48 Einzelmaßnahmen, die sechs Domänen zugeordnet werden konnten: Spielersperre, personalisiertes Feedback, Pre-Commitment, Pop-up-Nachrichten, Responsible Gambling Tools sowie sonstige Interventionen (hier im Einzelnen: Werberestriktionen, motivierende telefonische Interventionen und Selbsttests). Bezogen auf die methodische Güte der Primärstudien lässt sich ein gemischtes Fazit ziehen: Während das Verzerrungsrisiko in zehn Fällen als gering eingestuft wurde, gingen sieben Primärstudien mit einem hohen „Risk of Bias“ und die restlichen 25 Primärstudien mit einem moderaten „Risk of Bias“ einher. Auf Basis der extrahierten Erkenntnisse sind zusammenfassend folgende acht Handlungsempfehlungen für die Präventionspraxis abzuleiten:
(1) Spielersperren: Grundsätzlich zählen Spielersperren zu den wichtigsten Errungenschaften des modernen Spielerschutzes. Entsprechend ist die Einrichtung eines zentralisierten Sperrsystems zu empfehlen, das alle Spielangebote mit mittlerem und hohem Suchtpotential umfasst (und damit auch alle Formen des Online-Glücksspiels).
(2) Personalisiertes Feedback: Personalisiertes Feedback sollte fester Bestandteil eines Gesamtkonzeptes zur Abwehr der mit Online-Glücksspielen einhergehenden Suchtgefahren sein. Um einem Goldstandard näher zu kommen, wird die praxisnahe Erprobung und Evaluierung unterschiedlicher Varianten des personalisierten Feedbacks empfohlen.
(3) Pre-Commitment: Limitierungssysteme sind grundsätzlich geeignet, um den mit Glücksspielen assoziierten Suchtgefahren effektiv entgegenzuwirken. Sie sollten sich vornehmlich auf finanzielle Parameter beziehen und verbindlich vorgegeben werden. Die konkrete Ausgestaltung der Limits ist auf theoretischen Überlegungen sowie weiteren Forschungsbefunden zu stützen und regelmäßig wissenschaftlich zu überprüfen.
(4) Pop-up-Nachrichten: Von Pop-up-Nachrichten können geringfügig positive Effekte erwartet werden. Derartige Interventionen sollten als ein effizient einzusetzendes verhaltenspräventives Element zu jedem Sozialkonzept für Online-Glücksspiele dazugehören.
(5) Responsible Gambling Tools (RGTs): Die wenigen empirischen Ergebnisse deuten zwar eine passable Akzeptanz bei der Zielgruppe an. Ob RGTs aber tatsächlich das Potential besitzen, nachhaltige Veränderungen des Spielverhaltens zu bewirken, lässt sich aufgrund der aktuellen Datenlage nicht abschließend beantworten. Es wird deshalb empfohlen, in Deutschland RGTs in der Praxis weiter zu testen und evaluieren zu lassen
(6) Werberestriktionen: Auch wenn bisher nur eine Primärstudie zu den Auswirkungen von Werberestriktionen auf das Glücksspielverhalten vorliegt, weisen ihre Ergebnisse darauf hin, dass hier ein vielversprechender Ansatz für eine effektive Glücksspielsuchtprävention vorhanden ist. Deshalb sollten weitere Pilotprojekte und Evaluationsstudien zu den Auswirkungen von Werberestriktionen im Glücksspielbereich durchgeführt werden.
(7) Motivierende telefonische Interventionen: Mit motivierenden telefonischen Interventionen sind geringfügige positive Effekte assoziiert. Sie sollten daher obligatorischer Bestandteil von Sozial- und Präventionskonzepten sein. Zur weiteren Optimierung ist es wünschenswert, dass ein solches Angebot im Hilfesystem gut verankert ist.
(8) Selbsttests: Die bisherigen Evaluationsergebnisse zeigen eine relativ gute Inanspruchnahme und Akzeptanz von Selbsttests unter (problematisch) Glücksspielenden. Inwiefern sie jedoch einen nachhaltigen Effekt auf das Spielverhalten haben, bleibt ungewiss. Selbsttests sollten dennoch fester Bestandteil von RGTs sein.
Das Policy Paper kann hier heruntergeladen werden.
